Die Neustraße

Die wohl bekannteste Straße in Dinslaken ist gleichermaßen für Einheimische und Besucher die Neustraße.
Foto Jörg Bieniek

Sie ist die „Einkaufsstraße“ der Stadt und hat als geschäftliche 1a Lage auf dem Immobilienmarkt die wohl höchsten Mieten der Stadt. Dabei ist die Neustraße alles andere als neu. Urkundlich erwähnt wurde sie 1349 zum ersten Mal. Nur wenige Straßen in der Altstadt sind neben ihr bereits seit der Stadtgründung im Jahre 1273 bekannt, wie beispielsweise die Duisburger- und die Brückstraße.
Das durch den Landesherren, den Klever Grafen Dietrich VII zur Stadt erhobene Gemeinwesen Dinslaken, wuchs schnell. Nach kurzer Zeit war die Stadt innerhalb der alten Stadtmauern überfüllt und die Bürger suchten neuen Platz. Man fand diesen längs des Weges vom Ostausgang der Stadt nach Hiesfeld. Zum damaligen Zeitpunkt existierte die Pfarrei mit der Vincentiuskirche noch nicht. Pfarrkirche der Dinslakener war die heutige evangelische Dorfkirche in Hiesfeld. Längs dieses Kirchweges entstand nun ein neues Bebauungsgebiet, die Neugasse, die erstmals 1349 urkundlich erwähnt wurde. An Länge und Breite hat sich diese Straße im Laufe der Jahrhunderte nicht wesentlich verändert. War die Altstadt durch Mauern geschützt, begnügten sich die Neustadtbürger oder auch Neustädter genannt, mit einem Erdwall und einem teilweise doppelten Graben, der durch den Rotbach gespeist wurde. Zwischen Alt und Neustadt gab es die Mittelpforte, die die beiden Stadtteile trennte. Heute befindet sich dort der Fußgängerüberweg über die Friedrich-Ebert-Straße. Die Neustadt hatte lediglich ein Stadttor, das Neutor oder auch Hiesfelder Tor genannt.

Foto H.Depner

Der Name der Neustraße änderte sich im Laufe der Geschichte des Öfteren. Als Neugasse erstmals urkundlich erwähnt, wurde sie auch auf Plänen zwischen 1750 und 1839 als Holländische Straße bezeichnet. Von 1893 bis 1933 wurde sie amtlich als Neustraße geführt. In der NS-Zeit wurde sie zur Schlageterstraße umbenannt. Namensgeber war Albert Leo Schlageter. Er war Soldat im Ersten Weltkrieg, gehörte verschiedenen Freicorps an und war auch Mitglied in der NSDAP-Tarnorganisation Großdeutsche Arbeiterpartei. Während der Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen war er militanter Aktivist und wurde von einem französischen Militärgericht wegen Spionage und Sprengstoffanschlägen zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die NS-Propaganda machte ihn zum ersten Soldaten des Dritten Reiches und stilisierte ihn zur Kultfigur hoch. Nach dem Ende der NS-Zeit wurde die Schlageterstraße 1945 wieder zur Neustraße. Doch nicht nur die Namensänderung im Dritten Reich war prägnant für diese düstere Epoche. Ein perfides Beispiel der Denunziation von jüdischen Mitbürgern war der sogenannte „Stürmerkasten“. Dieser Holzkasten (er hing seinerzeit in Höhe der jetzigen Malteser-Apotheke, gegenüber dem jüdischen Geschäft Salmon) war eine „Erfindung“ des Dinslakener Buchhalters Hans Georg Käbel. Er fotografierte Dinslakener, die bei Juden kauften und stellte die Bilder in dem Kasten zur Schau, versehen mit bösartigen Kommentaren. Frau Salmon war mutig genug, sich darüber bei der Polizei zu beschweren und so ordnete der Landrat 2 Tage später die Entfernung an.
Das Bild der Neustraße veränderte sich im Laufe der Jahrhunderte immens. Auf Abbildungen um 1880 konnte man ihren überwiegend dörflichen Charakter erkennen. 40 Jahre später sah alles schon anders aus. Bürgersteige und ebenes Pflaster prägten das Bild. Geschäftshäuser mit großen Fensterflächen aus der Kaiserzeit konkurrierten mit neu gebauten Geschäftshäusern. Eine Mischung unterschiedlicher Haustypen war die Folge, nicht zuletzt, weil eine Bauordnung heutiger Ausprägung fehlte.
Zwei Bauwerke fielen jedoch sofort ins Auge. Es war das Gebäude mit der Nummer 33, das Wohnhaus des Arztes Dr. Gaede. Dieses Haus aus der Biedermeierzeit erinnerte an Goethes Haus am Weimarer Frauenplan und hatte nichts Vergleichbares in Dinslaken. Durch die Bombardierung am 23. März 1945 wurde es dem Erdboden gleichgemacht und vollständig zerstört. Nach dem Krieg entstand dort ein Lederwarengeschäft. Das andere hervorstechende Bauwerk in der Neustraße war der Bürgerpalast der Familie Voswinkel mit der Hausnummer 45. Das spätbarocke Gebäude wurde 1884 von der jüdischen Gemeinde erworben und als Waisenhaus genutzt. Auf Grund der großen Nachfrage musste es in der Folgezeit zweimal erweitert werden. Zu seinem 50-jährigen Bestehen 1935 wurde in der Festschrift auf das erfolgreiche Wirken der Einrichtung verwiesen. Leider wurde es in der Pogromnacht 1938 nicht verschont. Es wurde zwar nicht niedergebrannt, aber völlig demoliert und die Bewohner wurden vertrieben. Nach der Pogromnacht wurde das Waisenhaus beschlagnahmt und zum Stützpunkt der NSDAP-Kreisleitung umfunktioniert. Die Umbauten wurden durch die „erbeutete“ Waisenhauskasse finanziert. Auch dieses Haus wurde durch den Bombenangriff am 23. März 1945 vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde an gleicher Stelle ein großes Geschäftshaus erbaut. Ein Gedenkstein vor dem Haus erinnert mit folgender Inschrift an das alte Waisenhaus:“ Hier errichteten 1885 die Juden unserer Stadt ein Waisenhaus. Bis zu seiner Zerstörung durch die Naziverbrecher wurden hier jüdische Vollwaisen betreut“.
Nach dem Krieg wurde die Neustraße in den folgenden Jahren wieder zur Geschäftsstraße ausgebaut und konnte sich unter vergleichbaren Städten durchaus sehen lassen. Bereits 1966 wurde sie zur Fußgängerzone, eine der ersten ihrer Art am Niederrhein. 1997 wurde sie im Wesentlichen auf den jetzigen Stand gebracht. Am ehemaligen Haus Stammen (Nr. 64) erklingt mehrmals täglich das einzige Glockenspiel Dinslakens und bringt etwas Ruhe und Besinnlichkeit in die Hektik des Alltages.

Text: Buch
Straßennamen in Dinslaken
Jürgen J. Gleußner