Der 23. März 1945 – der schwärzeste Tag in der Geschichte Dinslakens

Nichts deutete am Morgen des 23. März 1945 darauf hin, wie fürchterlich sich der Tag entwickeln würde. Es war ein ganz normaler Frühlingstag und kein Dinslakener  ahnte, wie sich die kommenden Stunden entwickeln sollten.

Die Vorboten hatten sich jedoch bereits angekündigt. Am 7. Oktober 1944 gingen Emmerich und Kleve unter dem Bombardement alliierter Flugzeuge in Rauch und Staub auf. Es war eine Kostprobe, die auch anderen niederrheinischen Städten und Dörfern noch bevorstehen sollte. Das alliierte Oberkommando hatte unter anderem beschlossen, den Rhein zu überqueren, um von dort aus Richtung Rheine, Münster und Hamm in den Nordosten vorzustoßen. Zu diesem Zweck sollte die 9. US-Armee den Rhein südlich von Wesel bei Rheinberg, Orsoy und Walsum an mehreren Abschnitten auf einer Frontbreite von 18 km überwinden, während die 2. Britische Armee plante bei Wesel, Xanten und Rees auf einer Frontbreite von 19 km den Rhein zu überqueren. Zu diesem Zweck wurden 14 Tage vor dem Angriff gigantische Vorbereitungen getroffen. Im Raum zwischen Rhein und Maas stapelten sich riesige Mengen an Waffen, Munition, Ausrüstung und Gerät. Die amerikanischen und britischen Soldaten wurden in Tages- und Nachtübungen auf der Maas und umliegenden Seen auf die Rheinüberquerung vorbereitet. Allein 59000 Pioniere, 37000 britische und 22000 amerikanische, standen für die Überquerung, der Operation „Plunder“,  bereit. Um die Vorbereitungen zu tarnen, wurde der Rhein während dieser Zeit auf einer Länge von 120 km mit ausgedehntem künstlichem Nebel versteckt. Trotzdem blieben den deutschen Truppen durch die Luftaufklärung die Vorbereitungen nicht gänzlich verborgen. Allerdings war das deutsche Kontingent in diesem Abschnitt erheblich schwächer. Neben drei Fallschirmjägerdivisionen, zwei Infanteriedivisionen und zwei Panzerdivisionen mit 95 Panzern und einigen Flakregimentern, standen nur noch schnell zusammengestellte Volkssturmbataillone und einige aus versprengten Soldaten gebildete Alarmkompanien zur Verfügung. Die Artillerie litt unter Munitionsmangel und nur wenige deutsche Flugzeuge griffen nachts die Nachschublinien der Alliierten an. Die Alliierten schätzen die  Gesamtzahl ihrer Gegner auf max. 30000 Mann.

Folgende Angriffszeiten waren für die hiesige Gegend festgelegt worden. Am 24. März um 2 Uhr sollte das amerikanische XVI. Korps mit der 30. Division, die gegenüber von Mehrum lag und um 3 Uhr mit der 79. Division, die gegenüber Eppinghoven/Stapp lag, zum Angriff übergehen. Die Truppen des amerikanischen XVIII. Luftlandekorps sollten am 24. März von 10 Uhr an abgesetzt werden.

Zur gründlichen Vorbereitung der Alliierten gehörten neben dem Aufmarsch der Kampf- und Versorgungsverbände auch die schonungslose Bombardierung von Städten und Dörfer. Hier rückten insbesondere die Orte in den Focus der Planer, die im vorgesehenen Operationsgebiet lagen. Hier war zuerst die Stadt Dinslaken zu nennen. Mit 729 Toten zahlte die Kreisstadt, die mit circa 26000 Menschen bewohnt war, den höchsten Blutzoll am unteren Niederrhein. Das amerikanische Luftlandekorps wollte durch das Bombardement erreichen, dass von Dinslaken keine Gefahr mehr für die Fallschirmjäger ausgehen sollte, die am 24. März im Rahmen der Operation „Varsity“ in der Niederung Wehofen und im Rotbachtal absprangen.

Das Inferno begann am „schwarzen Freitag“, dem 23. März 1945, gegen 8.30 Uhr. Zu dieser Zeit kam die Meldung „Öffentlicher Luftalarm“, die zweite Stufe nach „Luftalarm 15“. Das bedeutete, dass man feindliche Flieger im Gebiet gesichtet hatte. Da es sich nur um einen kleinen Pulk handelte, missachteten viele Menschen die Warnzeichen und blieben in den Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften stehen, da es eine Sonderzuteilung von Butter geben sollte.

In kleinen Pulks von sechs schweren Bombenflugzeugen flogen die Alliierten die Stadt Dinslaken an. Der erste Pulk, aus Walsum kommend, flog Richtung Lohberg weiter, als er plötzlich wendete und begann, seine Bombenlast über Dinslakens Innenstadt abzuwerfen. Panik ergriff die Menschen und sie versuchten zu Hunderten in die nächsten Luftschutzkeller zu fliehen. Bevor sie diese Keller erreichten, kamen die Bomben und brachten Tod und Verderben. Hatten die Alliierten die Städte Wesel, Rees und Andere noch mit großen Bomberverbänden in breiten Lawinen angegriffen, änderte man hier erstmals die Taktik. Waren die großen Bomberverbände mit mehreren hundert Maschinen vormals von Flughäfen in England gestartet, gingen die Angriffe auf Dinslaken vom nahe gelegenen Flugplatz in Venlo aus. Dieser eine kleine Flughafen ließ jedoch keine Massenstarts zu, so dass insgesamt nur 60 Flugzeuge das erledigten, wozu man in Wesel noch 450 Maschinen gebraucht hatte. Das System des „rollenden Angriffs“ war geboren. In Pulks von jeweils sechs Flugzeugen wurde Dinslaken bombardiert, wieder, wieder und wieder. Insgesamt 39 Mal lud man die tödliche Fracht über Dinslaken ab. Zum Abschluss der Fliegerangriffe regnete es Brandbomben, die am Abend die Trümmer zu einem Flammenmehr entfachten. Selbst das mit einem roten Kreuz auf dem Dach markierte  kath. Krankenhaus wurde nicht verschont und hatte 34 Tote zu beklagen, wie der damalige Chefarzt Dr. Seidel berichtete. „Es war nicht mehr zu gebrauchen“. Die Überlebenden, die nachts versuchten Dinslaken zu verlassen, liefen vielfach ins Feuer der alliierten Artillerie, die auf einer Breite von 40 km mit 3200 Geschützen ein 8 km tiefes Gebiet zwischen Rees und Orsoy beharkte. Das lodernde Feuer von Dinslakens Innenstadt war bis Lohberg zu sehen, wo auch Bomben in die Kolonie gefallen waren. In keiner Stadt am Niederrhein hat es so große Massengräber gegeben wie in Dinslaken.

Das schwere Bombardement und der anschließende Artilleriebeschuss leiteten in der Nacht zum 24. März 1945 den „Sprung über den Rhein“ ein.